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Der Fichtner und die Blogs

22. Februar 2008

Eigentlich habe ich in genussblogs.net das erwartet, was man gelegentlich mal liest und als “Aufruhr durch die Blogosphäre” beschrieben wird. Ich habe gerade noch mal nachgesehen und nur die klugen Herren von der Molekularküche haben sich (bisher) geäußert.
Nun gut, dann ziehe ich mal nach.

Reflexartig war ich ablehnend dem SPON-Artikel in gegenüber, und war dann hin und her gerissen: Einerseits ist es für alle genannten Blogs ja eine hervorragende PR, obschon die ätzende Kritik sicher schmerzhaft ist. Muten Lob und Tadel doch tatsächlich ein wenig hergesucht an.
Seltsam ist, dass ich manchesmal bereits dachte, es wäre doch nett, wenn Herr Fichtner ein kleines Blog unterhielte, denn er äußert schon gelegentlich hübsche Gedanken. Als ich sein Buch las, dachte ich mir zwar, dass er ein Apokalypt sei, aber andererseits ist das schließlich sein Job. Journalist. Ich weiß zwar nicht, ob Wiglaf Droste der Urheber des Zitates ist, aber von ihm habe ich es zuerst gehört: “Die Aufgabe der Kritik ist Kritik”. Mich persönlich lässt das ein wenig hilflos zurück und beschreibt mein Problem mit Journalisten ganz gut: nicht konstruktiv, keine Alternativen, keine Vorschläge. Schade.

Blöd wird es in der Tat, wenn oberflächlich recherchiert und dann publiziert wird. Diese Veröffentlichung erinnert mich an eine kleine Anekdote, die ein ehemaliger Dozent mal beiläufig erwähnte. Er wurde für eine Publikation über Fernsehrezeption gebeten, einen Beitrag über das damals frische “Big Brother” beizusteuern. Er sah sich eine Folge an, schrieb und veröffentlichte. Ich finde das zu einfach, da tun sich Professoren und Journalisten nichts, da sind sie oft zu sehr bequeme Menschen.

Nur um ein Beispiel herauszugreifen: Natürlich ist es speziell, wenn man als Privatperson über einen Profi(?)ofen schreibt. Mir ist Backen zu aufwändig. Allerdings habe ich schon mal mit dem Gedanken gespielt, mir eine professionelle Aufschnittmaschine zuzulegen. Würde darüber jemand bloggen, würde ich das sicher lesen.
Was ich damit sagen möchte, ist, dass Herr Fichtner möglicherweise nicht richtig erkannt hat, welches Potenzial in foodblogs steckt. Ich denke, dass man es am ehesten mit “Content Long Tail” beschreiben könnte. (Der “Long Tail” beschreibt die Möglichkeit für Nischenanbieter global Produkte anbieten zu können, damit zu überleben und auf der anderen Seite Suchenden die Möglichkeit zu geben, ihr Exotenhobby weiter betreiben zu können – ein Beispiel hierfür ist die Modelleisenbahnwelt, die sich, wie ich höre, immer weiter ins Netz verlagert, weil Ladengeschäfte sich nicht mehr lohnen.)
Wann immer sich irgendjemand mit Kochen und Genuss weitergehend auseinander setzen möchte, ist diese Person bei den genussblogs ziemlich gut aufgehoben und findet Allgemeines, Spezielles und Speziellstes. Natürlich sollte man eine Weile suchen, mehrere Wochen lesen, um dann für das persönliche Anliegen die passenden Seiten zu finden, aber das versteht sich eigentlich von selbst.
Zumindest werden in Blogs reichlich Alternativen geboten, die außerdem transportieren, dass sie von “normalen Leuten” gemacht werden – was jeder professionelle Schreiber per Definition nicht mehr in Anspruch nehmen kann.

Ich finde allerdings auch, dass die so genannte foodblogszene etwas selbstbezogenes hat (je nach Stimmungslage bezeichne ich es auch gerne als selbstreferenziell oder onanistisch). Hier bräuchte es sicher eine breitere Diskussion, wie man aus dieser Ecke heraus kommen könnte, um der “breiten Masse” bei der Erschließung besserer Kenntnisse behilflich sein zu können – etwas, das sicherlich auch in Herrn Fichtners Interesse wäre. Mir fällt jedenfalls kaum etwas Besseres ein, als das Wissen über Netze zu transportieren, auch hier wirken Kochbücher und Journalisten mit einem gewissen Habitus (und diese sind in der Überzahl, besetzen die klassischen Kommunikationskanäle und somit einen guten Anteil an der Definitionsmacht) eher verstörend und abschreckend (dass ich für eine Trennung zwischen Gastronomie und Privatküche plädiere, sei nur am Rande erwähnt).

Ich schließe mit: Herr Fichtner, das können Sie doch besser, oder? Foodblogger, Ihr auch, oder?

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